Philipp Oswalt | 2000
 
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   'Berlin_Stadt ohne Form' | Automatischer Urbanismus II

Im Prozess der Zivilisation ist der Mensch immer wieder mit dem Entstehen von Neuem konfrontiert, das seinen Werten widerspricht. Der französische Soziologe Georges Bataille prägte in einem Artikel für das von ihm konzipierte 'Kritische Lexikon' den Begriff des Formlosen, nicht als die Bezeichnung einer Eigenschaft oder eines Konzeptes, sondern als eine Operation der Deklassierung im doppelten Sinne von Herabsetzung und Auflösung einer Klassifizierung, das heißt einer taxonomischen Ordnung.[ 1 ] Das Formlose ist das Ausgegrenzte. Es bezeichnet das, was sich unserem üblichen Denkrahmen entzieht, was wir nicht einordnen können und gemeinhin als minderwertig erachten. Das Formlose entsteht ohne Absicht als Resultat von Prozessen. Die Formen sind nur vorübergehende Kristallisationen in einem sich stets wandelnden Feld. Als solche können die beschriebenen Phänomene von Konglomerat, Zerstörung, Leere, Temporärem, Kollision, Doppelung, Simulation, Masse und Stoffwechsel gesehen werden. Dabei artikuliert sich in Berlin nur radikaler, was die Entwicklung der zeitgenössischen Stadt im Allgemeinen kennzeichnet. Bereits vor dreißig Jahren schrieb der Gestalter Otl Aicher: 'Ist der Gestaltbegriff noch brauchbar, wenn man Strukturen, Kraftfelder, Prozesse, Verhalten, Bezugslinien, Tendenzen, Wachstum, Impulse, Antriebe, Beziehungen und Kräfte bestimmen will? Man könnte vielleicht mit einer dynamischen Gestalt im Gegensatz zu einer überlieferten statischen Gestalt weiterkommen. Aber die gibt es nicht. Dynamische Gestalt ist in jedem Moment neu und löst sich in jedem Augenblick auf. Genauso aber ist die heutige Stadt. Sie läßt sich nicht mehr planen im Sinne einer endgültigen Gestalt, sie läßt sich nur noch steuern. Sie hat nicht einmal ein Ziel. Niemand weiß, wo der Wachstumsprozeß unserer urbanen Zivilisation aufhören und wo er enden wird.'[ 2 ]

Die Stadt ist ein ständiges Werden. Sie führt ein Eigenleben. Wir müssen ihre Dynamik anerkennen und neue Möglichkeiten innerhalb dieses Territoriums finden. Dies befreit uns von der Verpflichtung, die Stadt zu entwerfen, und zwingt uns zugleich, das Modell der Stadt neu zu denken. Der Berliner Soziologe Georg Simmel sah bereits in den zwanziger Jahren die Großstadt 'als eines jener großen historischen Gebilde, in denen sich die entgegengesetzten, das Leben umfassenden Strömungen wie zu gleichen Rechten zusammenfinden und entfalten. Indem solche Mächte in die Wurzel wie in die Krone des ganzen geschichtlichen Lebens eingewachsen sind, dem wir in dem flüchtigen Dasein einer Zelle angehören, ist unsere Aufgabe nicht, anzuklagen oder zu verzeihen, sondern allein zu verstehen.'[ 3 ]

In der Geschichte der Stadt war die Urbanisierung weniger geplantes Produkt als vielmehr Resultat eines generativen Prozesses der Zivilisation. Erst mit der Moderne entwickelte sich die Illusion von absoluter Kontrolle und Planbarkeit aller Lebensumstände. Doch heute ist das Städtische instabiler als je zuvor. Während früher die dominanten Kräfte der Stadtentwicklung oft über Jahrhunderte andauerten, haben sie seit dem 19. Jahrhundert in zunehmend schnellerer Folge gewechselt. Zugleich haben sich die Einflüsse multipliziert. Städte sind heute nicht nur lokalen und regionalen, sondern auch globalen Faktoren unterworfen. Aufgrund der Reduktion von Transportkosten sowie der Schaffung weltweiter Kommunikationsnetze und Märkte für Waren, Arbeit und Finanzkapital werden ortsgebundene Organisationsformen zunehmend durch raumüberbrückende Zusammenhänge abgelöst. Entscheidungen können sich unmittelbar und gleichzeitig an einer Vielheit von Orten auswirken. [ 4 ] Durch diese Enträumlichung sozialer Systeme - von Soziologen zuweilen als 'Entbettung' bezeichnet - überlagern sich im realen Raum eine Vielzahl heterogener Einflüsse, die teils nach wie vor ortsbezogen sind und sich teils aus entlegenen Quellen ableiten. Vorhandenen Nutzungen folgen in mehreren Zyklen weitere Programme, während sich die primären Aktivitäten im Niedergang befinden oder transformiert werden. Um derartige Entwicklungsabfolgen und Wechselwirkungen zu beschreiben, haben Stadtgeographen anstelle klassischer Standorttheorien evolutionäre Modelle erarbeitet.[ 5 ] Mit ihnen kann die Reorganisation der Standortgefüge untersucht werden. Zum einen wird die bauliche Umwelt kontinuierlich transformiert; zum anderen werden ältere Bebauungen im Kontext sich ändernder Bedingungen reinterpretiert und durch neue Formen der Raumnutzung aktualisiert.

Die Neukonzipierung des Urbanen ist für Rem Koolhaas 'vermutlich unkontrollierbar und ähnelt eher einer künstlichen Natur als etwas bewußt von uns Geschaffenem. In Europa findet eine grundlegende Neustrukturierung, eine neue, zweite Phase der Modernisierung statt.'[ 6 ] Die Stadt ist hierbei nur der sichtbarste Teil der Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Soziologen wie Ulrich Beck, Scott Lash und Anthony Giddens sprechen von einer 'Zweiten Moderne' im Sinne einer Modernisierung der Moderne. Sie sehen hierin eine 'Radikalisierung der Moderne, welche die Prämissen und Konturen der Industriegesellschaft auflöst und Wege in andere Modernen - oder Gegenmodernen - eröffnet. Dies geschieht keineswegs notwendig reflektiert oder gar geplant, gewußt und gewollt, als Ergebnis strategischen Handelns, sondern eher unreflektiert, ungewollt, mit unabschätzbaren Konsequenzen.'[ 7 ]

Die Modernisierung gleicht einem Fahrzeug, das von einem Autopiloten gesteuert wird. Obgleich jedes einzelne Teil dieses Fahrzeugs vom Menschen gestaltet ist, kann seine Richtung nur schwer beeinflusst werden. Die Antriebsmechanismen werden stets umgebaut, was die Fahrtrichtung ändert; das Ziel ist unbekannt. Eigentlich gibt es gar kein Ziel, sondern lediglich eine Fahrt, welche die Teilnehmer an unbekannten Orten vorbeiführt ohne innezuhalten.

Die Folgen einzelner Handlungen lassen sich nicht überblicken. Nebenfolgen können auf die Handlungsgrundlagen rückwirken; unbeabsichtigte Konsequenzen können die ursprünglichen Intentionen unterlaufen. So wird unsere Zeit als eine Phase reflexiver Modernisierung interpretiert, in der die Auswirkungen der Industriegesellschaft deren staatliche, ökonomische und soziale Institutionen untergraben. Für Anthony Giddens ist die Gegenwart 'gekennzeichnet durch 'hergestellte Unsicherheit'. Unser Leben ist in vielen Bereichen plötzlich offen geworden, beruht auf einem Denken in 'Szenarien', auf Wenn-Dann-Erwägungen über eventuelle eintretende Folgen.'[ 8 ] Diese Situation erfordert ein Bejahen von Ambivalenz und einen Verzicht auf definitive Lösungen.[ 9 ]

Was hier für die Gesellschaft als Ganzes beschrieben wird, ist auch charakteristisch für die Entwicklung der Städte. Die Nebenfolgen technologischer, ökonomischer, legislativer oder politischer Gegebenheiten erweisen sich meist als weitaus mächtiger denn jede städtebauliche Planung und jeder architektonische Eingriff. Die Stadt ist ein komplexes Konglomerat verschiedenster Einflüsse. Wenn wir uns heute mit Stadt befassen, so ist es unvermeidlich, sich diesen Kräften und ihren räumlichen Manifestationen zu stellen. Dabei geht es nicht um eine Fixierung des Vorhandenen, sondern darum, die Ausgangslage zu verstehen, Möglichkeiten zu entdecken und zu intervenieren.

Erforderlich ist eine Ende des Städtebaus der 'guten Intentionen', der die existente Stadt verneint und eine ganz andere schaffen will. Von stets neuen Vorstellungen vom Guten ist die Stadt im 20. Jahrhundert wiederholt heimgesucht worden. Doch alle gut gemeinten Absichten sind kläglich an sich selbst und der Welt gescheitert. Der Städtebauer gleicht hier einem Segler, der das Steuerruder zu heftig herumreißt. Durch die Übersteuerung verliert er die Gewalt über das Boot, so dass es ohne Führung, von Wind und Wellen getrieben, dahintrudelt.

Anstatt heldenhaft zu scheitern oder willenlos zu kapitulieren müssen wir nach neuen Wegen suchen, wieder Einfluss auf die Stadtentwicklung zu gewinnen. Dies setzt voraus, dass wir die Stadt, wie sie ist, begreifen, um Möglichkeiten der Intervention zu ergründen und Strategien subversiver Kollaboration zu entwickeln. Ein solches Vorgehen setzt auf die Beeinflussung der Stadtentwicklung von innen heraus, unter Ausnutzung der vorhandenen Kräfte, diese modifizierend oder gar punktuell sabotierend. Stadtplanung wird zu einem taktischen Spiel, das die Prozesse des automatischen Urbanismus einbezieht und auf die Idee eines definierten Endresultats verzichtet. Ein städtebauliches Projekt ist dann weniger eine Erfindung als die Entdeckung und Verwirklichung einer latenten Möglichkeit. Es ist die Verknüpfung, Modifikation und Lokalisierung vorhandener Energien und Elemente, eine Art urbanes Kräftemanagement.

Ein solches Vorgehen kann verschiedene Formen annehmen. Wie ein Schachspieler mag man versuchen, den weiteren Verlauf abzuschätzen und mit seinen Zügen für diesen eine günstige Ausgangslage zu erzielen. Wie ein Billardspieler kann man indirekt vorgehen und erst in der Wechselwirkung mit anderen Elementen sein Ziel zu erreichen suchen. Dabei wird man von der geraden Bahn abweichen, um Hindernissen aus dem Wege zu gehen. Oder man mag wie ein Bastler mit Hilfe der Überbleibsel anderer Aktivitäten agieren. Dem Ingenieur als ein Modell menschlichen Handelns hat der Ethnologe Claude Lévi-Strauss den Bastler gegenübergestellt: 'Der Bastler ist in der Lage, eine große Anzahl verschiedenartiger Arbeiten auszuführen; doch im Unterschied zum Ingenieur macht er seine Arbeit nicht davon abhängig, ob ihm die Rohstoffe oder Werkzeuge erreichbar sind, die je nach Projekt geplant und beschafft werden müßten: die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen, das heißt mit einer stets begrenzten Auswahl an Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre Zusammensetzung in keinem Zusammenhang zu dem augenblicklichen Projekt steht, wie überhaupt zu keinem Projekt, sondern das zufällige Ergebnis aller sich bietenden Gelegenheiten ist.'[ 10 ]

In einer Situation, in der wir die Begrenztheit unseres Wissens und unserer Mittel eingestehen müssen, eröffnet die Vorstellung vom Bastler alternative Handlungsmöglichkeiten. Während der Städtebauer mittels Strukturen Ereignisse schafft, entwickelt der Bastler aus den Überresten von Ereignissen strukturierte Gesamtheiten. Dies ermöglicht, die räumlichen Manifestationen von ungeplanten Entwicklungen, Irrtümern, Zufällen wie gescheiterten Intentionen in den Städtebau zu integrieren und deren Potentiale zu entdecken. Während ein solcher kalter Städtebau mit den Resten von Früherem arbeitet und mit diesen neue Qualitäten schafft, wird ein heißer Städtebau in gegenwärtige Prozesse eingreifen und aktuelle urbane Entwicklungen von innen heraus beeinflussen. Hierbei wird Städtebau zu einem, generativen Prozess, den wir nur partiell kontrollieren können. Jeder Eingriff wird vorübergehend sein und stets unvollständig bleiben. In dieser vitalen Unabgeschlossenheit liegt auch die Stärke Berlins.


erschienen in : 'Berlin_Stadt ohne Form, Strategien einer anderen Architektur' | Mčnchen/ New York | 2000
 
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Fussnoten :
[ 1 ] Siehe Yve-Alain Bois und Rosalind E. Krauss: Formless. A User's Guide, New York 1997
[ 2 ] Otl Aicher: Verplante Planungen, in: ulm, Zeitschrift der Hochschule für Gestaltung, 17/18/1967, S. 5 f.
[ 3 ] Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben, in: Das Individuum und die Freiheit. Essais, Berlin 1984, S. 204
[ 4 ] Siehe Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne, Frankfurt am Main 1995, S. 33. Ebenso David Harvey: The Condition of Postmodernity, Cambridge / Massachusetts 1990, S. 147
[ 5 ] Siehe Stefan Krätke: Stadt, Raum, Ökonomie, Basel u. a. 1995, S. 48 ff. Ebenso W. Ritter: Allgemeine Wirtschaftsgeographie, München u.a. 1993
[ 6 ] Die Entfaltung der Architektur, Rem Koolhaas im Gespräch, in: Arch+, 117/1993, S. 29
[ 7 ] Ulrich Beck u.a.: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt am Main 1996, S. 9, S. 29
[ 8 ] Anthony Giddens: Risiko, Vertrauen und Reflexivität, in: Ulrich Beck u.a.: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt am Main 1996, S. 317
[ 9 ] Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen, Frankfurt am Main 1993, S.52f.
[ 10 ] Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken, Frankfurt am Main 1968, S. 30