Philipp Oswalt | 2000
 
Texte Drucken [HTML]

   'Berlin_Stadt ohne Form' | Doppelung

Die Zwillingsstadt Berlin-Cölln ist Keimzelle der Stadt. Im 13. Jahrhundert entsteht sie an den beiden Ufern der Spree in Konkurrenz zu den älteren Städten Spandau und Köpenick. Berlin und Cölln verfügen über jeweils ein eigenes Stadtrecht und folglich über eigene Rathäuser, Märkte, Kirchen und Klöster. In ihrer Eigenständigkeit entwickeln sie unterschiedliche Charaktere: In Berlin lässt sich der Orden der Franziskaner nieder, in Cölln der Orden der Dominikaner. Berlin, nordöstlich der Spree an der Ost-West-Handelsstraße gelegen, ist überregional ausgerichtet und durch Handel der Kaufmannsleute geprägt. Im Stadtgrundriss liegen die öffentlichen Bauten zerstreut. Bald entsteht mit dem neuen Markt ein zweites Zentrum. In Cölln hingegen konzentrieren sich die öffentlichen Bauten am alten Fischmarkt.

Trotz aller Autonomie gibt es von Beginn an Kooperation. Eine gemeinsame Festungsanlage wird gebaut, 1307 bilden Berlin und Cölln eine Föderation. Während sie nach innen gesonderte Städte bleiben, treten sie nach außen als Einheit auf. Als Zeichen der Union errichten sie ein gemeinsames Rathaus auf der Langen Brücke, in dem sie über gemeinsame Angelegenheiten wie Festungsbau und Außenbeziehungen beraten. Gleichwohl tagen, wie bisher, die beiden unabhängigen Räte der Städte in den alten Rathäusern und bleiben wirtschaftlich jeweils eigenständig. Eine Vereinigung beider Städte im Jahr 1433 wird wenige Jahre später von Kurfürst Friedrich II. formell wieder aufgelöst, doch faktisch vollzogen. Er beschneidet die Souveränität der Städte und baut zwischen 1443 und 1451 ein Stadtschloss. Die Macht des Kurfürsten eint die Städte in ihrer Unfreiheit. Berlin setzt sich als gemeinsamer Name für die Doppelstadt durch; das Schloss bildet das zukünftige Zentrum. Doch schon steht die nächste Doppelung bevor.

Zum Wiederaufbau der durch den Dreißigjährigen Krieg schwer verwüsteten Stadt gründet Kurfürst Friedrich Wilhelm zwischen 1660 und 1688 drei neue Vorstädte: Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt. Die Neustädte mit jeweils eigenem Stadtrecht können selbständig Handel und Gewerbe treiben, haben eigene Innungen, Kirchen und teilweise eigene Rathäuser, Marktplätze und Gerichte. Politisch wie städtebaulich sind sie unabhängig von der Altstadt. Ihr geometrisches Raster setzt sich in jeder Hinsicht von Altberlin ab. Statt der verwinkelten, engen Gassen strahlen die breiten Straßen der Neustädte in die Umgebung aus. Sie knüpfen nicht an die existierenden Straßen und Tore der befestigten Altstadt an, weshalb zwischen beiden eine unbebaute Lücke klafft. Aufgrund ihrer Unabhängigkeit können sich die Neustädte frei entfalten und kompromisslos ihre eigene, zeitgemäße Ausformung finden. Im Gegensatz zur beengten, weil durch einen Festungsring umzingelten Altstadt haben sie einen weltläufigen Charakter. Hier leben die zuziehenden französischen Hugenotten; in der Friedrichstadt wird neben der deutschen die französische Kirche gebaut; in der Dorotheenstadt werden Akademie der Künste, Akademie der Wissenschaften, Observatorium, Oper und königliche Bibliothek errichtet. Der mittelalterlichen Bürgerstadt steht die barocke Königstadt gegenüber.

Nach der Erhebung Preußens zum Königreich verfügt Friedrich I. 1709 die Vereinigung der fünf autonomen Städte zu einer Gesamtstadt mit einheitlicher Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Ein gemeinsames Rathaus wird in Cölln errichtet, 1735 die Wallanlage abgetragen und eine neue, die fünf Städte sowie die östlichen Vorstädte umfassende Zollmauer gebaut. Damit vollzieht sich nach außen ein Zusammenschluss, während im Inneren die disparaten Teile einander gegenüberstehen. Doch noch bevor die Einigung vollzogen ist, entsteht der Ursprung einer neuen Doppelung. 1695 wird mit dem Bau des Charlottenburger Schlosses begonnen, das in seiner Größe dem Stadtschloss gleichkommt und ihm architektonisch überlegen ist. Es wird zur Keimzelle einer rapiden städtischen Entwicklung. 1705 erhält Charlottenburg Stadtrecht und avanciert bald zu einem bedeutenden kulturellen Zentrum. Gleichzeitig entstehen im Berliner Umland 20 weitere Schlossbauten, die ein weites Netz von Siedlungskernen aufspannen. Verbunden durch Wasserwege und gut ausgebaute Straßen bildet diese Multiplizität das Gerüst für die spätere Urbanisierung der Region. Zwei Jahrhunderte später werden die Verbindungswege zwischen den Schlössern zu den Magistralen der Metropole: Kurfürstendamm, Frankfurter Allee, Charlottenburger Chaussee (heutige Straße des 17.Juni und Bismarckstraße), Potsdamer Chaussee (heutige Potsdamer Straße).

Nach Gründung des Deutschen Reichs 1871 verstädtert der Berliner Raum in atemberaubendem Tempo. Wesentlich schneller als Berlin wachsen Charlottenburg und die Vorstädte. Aus kleinen Gemeinden werden zwischen 1871 und 1910 Großstädte; die Vorstädte Schöneberg, Rixdorf und Lichtenberg erhalten Stadtrecht. Die sechs mit Berlin konkurrierenden Städte errichten ebenso wie in einer Reihe von Landgemeinden große Rathäuser als Ausdruck ihrer Selbständigkeit. Ende des 19. Jahrhunderts wird auf Vorschlag des Reichskanzlers Bismarck der Kurfürstendamm nach dem Vorbild der Champs-Elysées zu einer Prachtstraße ausgebaut. Dies legt gemeinsam mit der Eröffnung der Stadtbahn als Bahnverbindung zwischen alter City und Charlottenburg die Grundlage für die Entwicklung des zweiten großstädtischen Pols, des so genannten 'Neuen Westens'. Schnell gewinnt Charlottenburg Eigenständigkeit und avanciert aufgrund des hohen Steueraufkommens seiner Bürger zur reichsten Stadt Preußens. Binnen kürzester Zeit etablieren sich hier zentrale städtische Institutionen, teils in Konkurrenz, teils komplementär zur alten City: 1844 der Zoologische Garten, 1884 die Technische Hochschule, 1884 der Charlottenburger Fernbahnhof, 1896 das Theater des Westens, 1902 die Hochschulen für Bildende Künste und für Musik, 1906 Metropol-Theater, Schiller-Theater und Renaissance-Theater, 1909 das Kaufhaus des Westens, 1912 die Deutsche Oper, 1913 das Deutsche Stadion, 1914 das Messegelände, 1916 das Planetarium. Angesichts dieser Entwicklung fordert der Charlottenburger Bürgermeister: 'Nicht auf ein Groß-Berlin, sondern auf ein Groß-Charlottenburg müssen wir hinarbeiten.'[ 1 ] Als Zeichen von Eigenständigkeit und zur Abgrenzung gegenüber Berlin erbaut die aufstrebende Stadt 1906 das Charlottenburger Tor auf der Charlottenburger Chaussee (heutige Straße des 17. Juni) am Übergang zum Tiergarten, quasi als Pendant zum Brandenburger Tor.

Die Vorstädte holen Berlin trotz seiner Eingemeindungen auch hinsichtlich der Einwohnerzahl ein. In Berlin verdoppelt sich die Einwohnerschaft von 1871 bis 1920, während sie sich in den Vorstädten verzwanzigfacht. Mit 1,9 Millionen Einwohneren haben sie 1920 ebenso viele Einwohner wie Berlin. Die im gleichen Jahr vollzogene Gründung Großberlins ist keine Eingemeindung, sondern ein Zusammenschluss von sieben Städten und zahlreichen Landgemeinden. Die Schaffung Großberlins verlegt die Duplizität nach innen: In den zwanziger Jahren entwickelt sich der Neue Westen immer mehr zum zweiten städtischen Zentrum. Während Regierung, Verwaltung, Presse, Museen und Kaufhäuser in der alten City bleiben, wird der Kurfürstendamm zur Vergnügungsmeile. Die großen Kaufhäuser der Friedrichstraße eröffnen hier ihre eleganten und luxuriösen Dependancen. 1927 schreibt die Vossische Zeitung: 'Die geschäftliche Hauptentwicklung zeigt der Kurfürstendamm, als ob geglaubt wird, daß nur in dieser Straße erfolgreich Geschäfte gemacht werden können. Gerade hier wollen alle Firmen von Bedeutung vertreten sein.' [ 2 ] Und 1930 heißt es in einem Berlinführer: 'Der demokratische Westen, in dem die 'neuen Herren' wohnen, entzieht der Friedrichstraße die Lebenskräfte. Ganz Neuheit, ganz Gegenwart, ganz antipodische Welt ist im Westen jener kilometerlange Straßenzug zwischen Wittenbergplatz und Halensee: Tauentzienstraße-Kurfürstendamm. Hier ist Berlins Boulevard.'[ 3 ]

Die alte City ist Ort der preußischen Bürokratie, der staatlichen Institutionen, der Relikte der Hohenzollern, des Alltäglichen und Provinziellen; der Neue Westen hingegen ist Ort des liberalen Bürgertums, des Exzentrischen, der Avantgarde und des Neuen. Die Bipolarität der Stadt führt zur Koexistenz des Ungleichzeitigen: von Moderne und Tradition, von Demokratie und Preußentum, von Liberalismus und Militarismus. Die Losgelöstheit des Neuen Westens von der alten City macht ihn zum Laboratorium der Moderne. Berlin wird in den zwanziger Jahren zum kulturellen Zentrum, wo die neue Literatur, Malerei, Theater, Film und Architektur entsteht. Hier baut die Filmindustrie mit Ufapalast, Gloriapalast, Capitol und Marmorhaus die großen Premierenkinos; hier entstehen Messegelände mit Funkturm und Haus des Rundfunks ebenso wie die ersten amerikanischen Fastfood-Restaurants, die Tanzlokale, Bars und berühmten Cafés der zwanziger Jahre. Man baut mit der Avus die erste Autobahn Deutschlands und eine der besten Rennstrecken der Welt. Die ersten Automobilsalons eröffnen am Kurfürstendamm. Ende der zwanziger Jahre überrundet der Auguste-Viktoria-Platz[ 4 ] den Potsdamer Platz als verkehrsreichsten Platz Europas.

Der Neue Westen ist weltoffen. Auch architektonisch formuliert sich hier die Moderne. Während Entwürfe für die alte City wie etwa Ludwig Mies van der Rohes Glashochhaus an der Friedrichstraße oder Ludwig Hilberseimers Citybebauung hinter dem Gendarmenmarkt unrealisiert bleiben, verwirklichen Architekten wie Erich Mendelsohn, Hans Poelzig und die Gebrüder Luckhardt im Zentrum des neuen Westens moderne Bauten. 'Im Westen stehen die Tauentzienstraße und der Kurfürstendamm in lebendigem Wettbewerb mit dem alten Berlin. Hier hat die Architektur der Läden immer mehr eine neuzeitliche Ausstattung erfahren und den verschiedenen Geschäften ihre eigene Note gegeben', schreibt Gustav Häussler 1932.[ 5 ] Der Stuck der wilhelminischen Fassaden wird abgeschlagen; Kaufhäuser werden mit gläsernen Aufzügen ausgestattet; Lichtreklame dominiert das Straßenbild.

Die Doppelpoligkeit Berlins der zwanziger Jahre artikuliert für den britischen Schriftsteller Stephen Spender zwei gegensätzliche Ideen: einerseits der 'pompöse preußische Versuch eines anstudierten griechischen Klassizismus'[ 6 ], der sich auf der Straße Unter den Linden mit den Tempeln von Monarchie, Kultur und Glauben zeigt. Und andererseits die Attraktion der 'babylonische Hure' rund um den Kurfürstendamm mit seinen Cafés, Nachtclubs, Geschäften und Bordellen. 'Diese beiden Entwürfe liegen gewissermaßen in zwei verschiedenen Schlafzimmern wie zwei Geliebte der einen Berliner Seele, voneinander getrennt durch ein riesiges Netz von Bahnlinien.'

Nach der Zerschlagung der nationalsozialistischen Diktatur radikalisiert die Teilung der Stadt die Bipolarität Großberlins. Mit dem Kriegsende ist die Stadt 1945 in doppelter Weise geteilt: Zum einen ist ihre Einheit durch den Bombenkrieg physisch zerstört. Die Kommunikations- und Verkehrsinfrastrukturen sind unterbrochen, die Stadt in Teile zerfallen. Da das 'Cityband' zwischen Altstadt, Potsdamer Platz und Neuem Westen fast vollständig ausgelöscht ist, treten die beiden Pole um so klarer als eigenständige Orte hervor. Zum anderen ist die Stadt politisch geteilt. Die sowjetische Blockade Westberlins besiegelt 1948 die Teilung Berlins und Deutschlands; wenig später entstehen die beiden deutschen Staaten. Damit stehen sich in der geteilten Stadt die zwei opponierenden gesellschaftlichen Systeme gegenüber. Berlin wird Stadtlabor des Kalten Krieges.

In einer Art urbanistischem Ping-Pong-Spiel entwickeln sich beide Teile zwar konträr, doch in Reaktion auf die jeweils andere Hälfte der Stadt. Das Spiel beginnt 1952 in Ostberlin mit dem Bau der Stalinallee, einer betont national-klassizistischen Magistrale, die vom Westen 1957 mit der Errichtung des explizit international-modernen Hansaviertels beantwortet wird. 1957 lobt der Westen, 1958 der Osten einen Wettbewerb für das Stadtzentrum aus. 1966 errichtet der Springerkonzern ein goldenes Hochhaus als Symbol für den freien Westen auf der Westseite der Mauer. Wenig später antwortet der Osten mit einer Reihe sozialistischer Wohnhochhäuser entlang der Leipziger Straße. Die Architektur wird zu einem Mittel des Kalten Krieges, die Teilung der Stadt zu einem architektonischen Generator. Die erzwungene Selbständigkeit der ehemals komplementären Stadthälften erfordert die Doppelung der singulären Institutionen. Die historischen Monumente der Stadt erfahren in der jeweils anderen Stadthälfte eine Neuinterpretation: so die Bismarckstraße und Heerstraße durch die Stalinallee, so die Museumsinsel durch das Kulturforum, so der Reichstag durch den Palast der Republik, so der Funkturm durch den Fernsehturm, so die Staatsbibliothek Unter den Linden durch die Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße, so die alte Nationalgalerie durch die neue Nationalgalerie, so die Humboldtuniversität durch die Freie Universität. Diesem architektonischen Wettstreit verdankt die Stadt viele ihrer bedeutendsten Bauten.

Die Teilung von Berlin und Deutschland schafft binnen 40 Jahren aus dem einst Zusammenhängenden zwei verschiedene Identitäten, Kulturen und Sprachen, die sich noch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung als beständig erweisen. Auch stadtstrukturell entwickeln sich die beiden konkurrierenden Städte entgegengesetzt. Während die Oststadt zentralistisch organisiert wird, mit einer neuen, nach Osten verschobenen City zwischen Alexanderplatz und Schlossplatz, entwickelt sich die Weststadt polyzentral. Neben dem Hauptzentrum rund um den Zoo entstehen bedeutende Sekundärzentren in Steglitz, Neukölln, Wedding und Spandau; die kulturellen Institutionen verteilen sich zwischen Kulturforum, Charlottenburg und Dahlem; die Stadtregierung wird in Wilmersdorf und Schöneberg untergebracht. Der planwirtschaftlich-diktatorische Osten formiert sich zentralistisch, der marktwirtschaftlich-demokratische Westen föderalistisch.

Nach dem Mauerfall von 1989 wird versucht, Oststadt und Weststadt wieder zu vereinen und einander anzugleichen. Gleichwohl bestehen untergründig die verschiedenen Identitäten fort, verursacht die divergierende Substanz andere Resultate. Zudem wird mit der Errichtung der 'Neuen Mitte' durch die Regierungsbauten, den Zentralbahnhof sowie die beiden Einkaufs- und Vergnügungszentren am Potsdamer Platz die bestehende Doppelung nicht aufgelöst, sondern überhöht. Die Plazierung der großen neuen Programme im neutralen Terrain vague zwischen City Ost und City West schafft die Keimzelle eines dritten Zentrums, isoliert von der bestehenden Stadt.

Hiermit erfüllt sich aufs Neue die Bestimmung Berlins, immer wieder die existierenden Zentren, Hierarchien und Ordnungen des Stadtgefüges durch Duplizierungen in Frage zu stellen. Jede Epoche schuf sich ein neues Zentrum, eine neue Magistrale, eine neue Identität. Hierdurch entsteht eine Ambivalenz, in der man nicht von Identität, sondern nur von multiplen Identitäten, nicht mehr von Zentrum, sondern nur von Zentren sprechen kann. Im Stadtkörper Berlins tauchen immer wieder Momente von Zentralität auf, die jedoch abbrechen und verschwinden, durch andere zentrale Elemente konterkariert werden. Das Terrain der Stadt spannt sich zwischen ihren Polen auf, die ein Spannungsfeld erzeugen. Je nach Blickweise entsteht eine andere Zentralität.

Die Doppelungen haben zu einer Koexistenz unterschiedlicher städtebaulicher Strukturen, Regierungsformen, Kulturen und Lebensweisen geführt. Die Pole bilden jeweils gegensätzliche Qualitäten: lokal /international, introvertiert/exzentrisch, begrenzt/offen, zentralistisch/netzförmig, tradiert/modern, permanent/unbeständig, tags/nachts . Durch die parallele Existenz müssen die Gegensätze nicht zu einem Kompromiss synthetisiert werden, sondern können sich in Koexistenz frei entfalten. Übrigens haben sich auch im Orient zweipolige Städte gebildet, die die Koexistenz traditionell-islamischer und modern-westlicher Lebensweisen erlauben.[ 7 ] Die Idee von Einheitlichkeit verschwindet zugunsten der Idee von einem Ganzen als Vielheit.

Ein solches Modell intensiver Multiplizität birgt mehrfache Potentiale. Es besteht Wahlfreiheit zwischen den Polen, die zudem in einem produktiven Wettbewerb stehen können. Da die jeweiligen Pole nicht dem gesamten Spektrum möglicher Erwartungen und Anforderungen gerecht werden müssen, können sie sich spezifischer, extremer und kompromisslos artikulieren. Anstelle des Idealtypus des Durchschnittlichen tritt eine Vielfalt des Spezifischen. Duplizität und Multiplizität ermöglichen die freie Kombination der parallelen Verschiedenheiten. Ein Phänomen, welches man in unterschiedlichsten Kontexten finden kann: In der Biologie garantiert die Duplizität der Gene im Zellkern die Rekombination des Erbguts; in der Ethnologie entdeckte man die 'Duale Organisation'[ 8 ] als Prinzip archaischer Gesellschaften. Der DJ Kool Herc nutzte 1973 die Verdoppelung des Plattenspielers am Mischpult des DJ's, um aus zwei parallel laufenden Schallplatten eine neue, dritte Musik zu kreieren[ 9 ]. Damit entstand die Musik des Hip-Hop. Später weitete sich diese Methode zum Konzept des 'Crossover' als Leitmotiv der Club-Culture aus.

Duplizität und Multiplizität stellen das Ideale und Absolute in Frage. Wenn es zwei gibt, relativieren sie sich und jedes hinterfragt das andere; jedes wird als eine Möglichkeit gesehen; ein neues Drittes wird vorstellbar .[ 10 ] Die Möglichkeit des In-Beziehung-Setzens erschließt neue Dimensionen. So ermöglicht die Doppelung von Auge und Ohr erst die räumliche Wahrnehmung. Aus der Differenz der Bilder beziehungsweise Töne der doppelten Organe berechnet das Hirn ein räumliches Bild. Gilles Deleuze beschreibt diese Entstehung von Tiefe auch im psychologischen Sinn. Erst durch die Existenz eines Anderen, neben dem eigenen Selbst, entsteht Tiefe, ein Feld des Möglichen.[ 11 ] Der Verlust des Anderen führt zu einem Verlust an Tiefe, im räumlichen wie im Möglichen.

Berlin ist die Doppelung gleichsam als genetischer Code eingeschrieben. Von Beginn an ist es immer wieder aufs Neue eine Vielheit von Städten, verwachsen wie siamesische Zwillinge: keine Einheit und doch voneinander abhängig. In der Stadtstruktur artikulieren sich die gesellschaftlichen Spannungen der unterschiedlichen Epochen: von Freier Stadt und Kurfürst, von Kaisertum und Moderne, von Ost und West. Das polyzentrale Berlin ist ein Mikromodell des deutschen Föderalismus; die Ost-West-Teilung der Stadt reflektiert die nach wie vor existente Spaltung der deutschen Gesellschaft.

Duplizität und Multiplizität stellen die klassische Vorstellung von Einheit und Identität in Frage. Wie bei einem siamesischen Zwilling führt die Ambivalenz zwischen Einheit und Doppelung zu zweideutigen und vielfachen Lesarten der multiplen Identität. Im Gegensatz zur Auflösung und Vermischung von Wesenheiten stellt Duplizität die gleichzeitige Existenz unterscheidbarer Ganzheiten und Identitäten dar. Damit schafft sie eine Offenheit und Dynamik, die zugleich das Selbstverständnis untergräbt.


erschienen in : 'Berlin_Stadt ohne Form, Strategien einer anderen Architektur' | Mčnchen/ New York | 2000
 
Texte Seitenanfang Drucken [HTML]
 

Fussnoten :
[ 1 ] Zitiert nach Konrad Kettig: Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918), in: Heimatchronik Berlin, hg. v. Otto Friedrich Gandert u.a., Köln 1962, S. 432f.
[ 2 ] Rudolf Weilbier, in: Vossische Zeitung, 21.6.1927
[ 3 ] Curt Moreck, Führer durch das Lasterhafte Berlin, Leipzig 1930, S. 12f., 20f.
[ 4 ] heutiger Breitscheidplatz
[ 5 ] Gustav Häussler: Auf nach Berlin, Berlin 1932, S. 30
[ 6 ] Siehe Stephen Spender: Deutschland in Ruinen, Frankfurt Main 1998, S. 273 sowie Ian Bururma: Die kapitale Schnauze, in: Lettre Winter 1998, S: 38
[ 7 ] Martin Seger: Strukturelemente der Stadt Teheran und das Modell der modernen orientalischen Stadt, in: Erdkunde Band 29/ 1975, S. 33ff.
[ 8 ] Claude Lévi-Strauss: Die elementaren Strukturen der Verwandschaft, Frankfurt Main 1993, S. 128ff.
[ 9 ] Oliva Henkel, Karsten Wolff: Berlin Underground, Berlin 1996, S. 43
[ 10 ] So entstand im Spannungsfeld zwischen Sozialismus und Kapitalismus die Suche nach einem 'Dritten Weg', während der Kapitalismus heute scheinbar alternativlos ist.
[ 11 ] Gilles Deleuze: Michel Tournier und die Welt ohne anderen, in: Logik des Sinns, Frankfurt Main 1993, S. 364ff.